A Jazz Improvisation Primer

von Marc Sabatella

© Copyright 1992-2000 Outside Shore Music

Übersetzung: Edgar Lins (letzte Änderung 12.9.2005)


Mit anderen spielen

Sobald Sie eine geeignete Gruppe von Musikern zusammenbekommen, sollten Sie anfangen, im Rahmen einer Gruppe zu spielen. Das ist aus mehreren Gründen hilfreich. Zunächst können mehrere Spieler, wenn Sie ungefähr dieselben Fähigkeiten haben, gemeinsam lernen. Wenn ein Mitglied fortgeschrittener als die anderen ist, kann er ihnen eine Hilfestellung geben. Eine gute Rhythmusgruppe kann einem Solisten oft Ideen liefern oder dabei helfen, genug Selbstvertrauen zu bekommen, um sich mehr einzubringen. Auf der anderen Seite sollte man der Versuchung widerstehen, zu viele Bläser zu haben, weil die Melodien sonst immer länger und länger werden, wenn jeder sein Solo unterbringt. Die Rhythmusgruppe wird der Akkordprogression überdrüssig, und die Solisten warten ungeduldig darauf, daß sie erneut an die Reihe kommen. Es ist wahrscheinlich kontraproduktiv, wenn zu diesem Zweck mehr als ungefähr acht Spieler auf einmal zusammenkommen.


Organisation

Wenn eine geeignete Gruppe von Leuten zusammengekommen ist, müssen Sie sich entscheiden, was gespielt werden soll. Es hilft, wenn jeder in der Gruppe auf dieselben Fakebooks zurückgreifen kann. So kann man ziemlich sicher sein, daß wenn irgend jemand eine Melodie nennt, jeder sie in seinen Büchern hat. The New Real Book von Chuck Sher ist zu empfehlen, weil es in transponierten Versionen für die meisten Blasinstrumente verfügbar ist und eine abwechslungsreiche Vielfalt an Melodien enthält. Sie sollten sich vorher über die Melodien einigen, mit denen Sie arbeiten möchten, damit jeder die Chance hat, sich mit den Changes vertraut zu machen.

Obwohl es nicht notwendig ist, einen Leiter für eine Gruppe zu bestimmen, ist es hilfreich, wenn es jemanden gibt, der die Lieder auswählt, die Reihenfolge der Solisten bestimmt, ein Tempo auswählt, das Lied anzählt und die Dinge allgemein am Laufen hält. Es ist nicht entscheidend, ob diese Person der beste Musiker in der Gruppe ist, aber es sollte jemand sein, der über Fähigkeiten zur Führung oder Organisation verfügt.

Anfang

Wenn Sie ein Lied ausgewählt haben, müssen Sie an das denken, was wir über die Form gesagt haben. Normalerweise würde die Gruppe zuerst die Melodie spielen. Während Sie ein Lied lernen, könnten Sie entscheiden, daß alle es unisono spielen. Sie sollten aber irgendwann jedem Spieler eine Chance geben, den Kopf alleine zu spielen und daran zu arbeiten, auch während er einfach die Melodie spielt eine eigene Aussage zu machen. Bei einem Auftritt ist es für den Zuhörer üblicherweise ebenfalls interessanter, eine Melodie von einem Einzelnen interpretiert als unisono vorgetragen zu hören. Das gilt besonders für Balladen. Schnelle Bop-Melodien werden jedoch normalerweise unisono gespielt.

Bei Liedern mit einer 32-Takte-Form wird der Kopf gewöhnlich nur einmal gespielt. Bei Blues-Melodien oder anderen kürzeren Formen wird er oft zweimal gespielt. Die Melodien vieler Lieder enden auf dem vorletzten Takt der Form. So endet z.B. Clifford Browns 12-Takt-Blues Sandu auf dem ersten Schlag des elften Takts. Gewöhnlich hört die Rhythmusgruppe während der letzten beiden Takte der Form auf zu spielen, um dem ersten Solisten eine unbegleitete zweitaktige Einleitung (= lead in) oder ein Solo-Break zu ermöglichen. Bei manchen Melodien, wie z.B. John Coltranes Moment's Notice, tritt dieses Break traditionell bei jedem Chorus auf, wird aber üblicherweise nur als Einleitung für das erste Solo oder höchstens als Einleitung für jedes Solo gespielt.

Mittelteil

Wenn Sie erst in Ihrem Solo sind, dann sind sie zu einem großen Teil auf sich gestellt, obwohl Sie darauf hören sollten, was die anderen um Sie herum tun, davon leben was sie spielen und sie mit Ihrem eigenen Spiel führen. Das ist Ihre Chance, die Techniken anzuwenden, die Sie bis jetzt gelernt haben. Denken Sie melodisch. Nutzen Sie Ihre Chancen. Haben Sie Ihren Spaß dabei!

Ich habe mehrfach erwähnt, daß ein Solo eine Geschichte erzählen sollte. Das bedeutet, es sollte eine/n klare Exposition, Entwicklung, Höhepunkt und Abschluß haben. Wenn man die Intensitätsstärke eines guten Solos aufzeichnen müßte, würde man oft feststellen, daß sie auf einer niedrigen Stufe anfängt, sich langsam bis zum Höhepunkt aufbaut und danach steil abfällt, um zum nächsten Solisten, oder was auch immer als nächstes kommt, überzuleiten. Anfänger haben oft Probleme mit der Entscheidung, wie viele Chorusse sie spielen sollen. Das ist für jeden Vortragenden verschieden. Charlie Parker nahm bei Aufnahmen normalerweise nur einen oder zwei, obwohl das teilweise wegen der Beschränkungen des Plattenformats mit 78 Umdrehungen pro Minute war. John Coltrane nahm oft Dutzende von Chorussen, besonders bei Live-Auftritten. Wenn viele Solisten beteiligt sind, sollten Sie sich wahrscheinlich kurz fassen, damit es allen anderen nicht langweilig wird. In jedem Fall sollten Sie, wenn Sie an das Ende Ihres Solos kommen, diese Tatsache den anderen Musikern irgendwie vermitteln, damit diese entscheiden können, wer als nächster kommt, oder ob sie "Trading Fours" (die Solisten tauschen untereinander oder mit dem Schlagzeuger aus vier Takten bestehende Phrasen aus) spielen oder zum Ende kommen wollen.

Wenn Sie die Absicht haben, nach dem letzten Solo Trading Fours zu spielen, wird das üblicherweise von jemandem dadurch angezeigt, daß er vier Finger so hält, daß sie von allen anderen gesehen werden können. Gewöhnlich spielen die Solisten in derselben Reihenfolge, in der sie ursprünglich gespielt haben, jeweils vier Takte. Der Bassist wird oft übersprungen, manchmal auch der Pianist. Oftmals wird der Schlagzeuger vier Takte zwischen allen anderen Solisten übernehmen. Mehr als während der ursprünglichen Soli wird die Intensität der viertaktigen Phrasen in der Regel auf einem einheitlich hohen Niveau sein, und die Solisten sollten versuchen, auf den Ideen eines jeden anderen aufzubauen und diese weiterzuentwickeln. Dieser Zyklus kann so lange wie man möchte wiederholt werden; irgend jemand wird sich gewöhnlich an den Kopf tippen, um anzuzeigen, daß man wieder zum Kopf des Lieds zurückkehrt.

Schluß

Der Schluß eines Lieds ist ohne Frage am schwierigsten zusammen zu spielen. Wenn Sie ein bestimmtes Lied mehrere Male mit derselben Gruppe von Leuten gespielt haben, haben Sie vielleicht Schlüsse geplant und geprobt. Wenn Sie aber ein Lied das erste Mal mit einer Gruppe spielen, wir das Ende fast immer chaotisch. Es gibt jedoch ein paar Standardtricks, die man benutzen kann, um ein Lied zu beenden. Wenn Sie mit den grundlegenden Schlüssen vertraut sind, muß nur noch einer als Führer agieren, damit jeder nachfolgt.

Der leichteste Schluß, der in schnellen Bebop-Melodien benutzt wird, ist einfach die Melodie abrupt nach der letzten Note zu beenden (= cut short, "kurz" spielen). Das funktioniert bei Melodien mit Rhythm-Changes, wie z.B. Oleo, und anderen Bop-Formen, wie z.B. Donna Lee. Als Variation können Sie die letzte Note aushalten. Oder Sie können die letzte Note kurz spielen, sie aber dann nach ein paar Schlägen Pause wiederholen und aushalten. Das wird besonders in 32-taktigen Formen getan, in denen die Melodie auf dem ersten Schlag von Takt 31 endet. Diese Note wird kurz gespielt aber dann auf dem ersten Schlag von Takt 32 wiederholt und ausgehalten, oder als Vorwegnahme auf dem vierten Schlag oder dem "und" des vierten Schlags von Takt 31.

Ein weiterer Schluß, der oft bei Balladen und langsamen Swing-Liedern benutzt wird, ist das Ritardando. Werden Sie einfach über die letzten zwei oder drei Takte langsamer und hören Sie mit der letzten Note der Melodie auf, die so lange ausgehalten werden kann wie man möchte. Eine Variation dieser Technik ist, bei der vorletzten Note oder einer anderen Note vor dem Ende, die auf den vorletzten Akkord fällt, anzuhalten und einen der Solisten eine unbegleitete Kadenz spielen zu lassen, der dann dem Rest der Band anzeigt, wenn sie für die letzte Note einfallen soll.

Wenn man Melodien mit mittlerem oder schnellerem Tempo spielt, ist ein populärer Schluß, die letzten paar Takte vor der letzten Note dreimal zu spielen. Bei einer 32-taktigen Form, bei der die letzte Note der erste Schlag von Takt 31 ist, spielen Sie die Form bis zum Ende von Takt 30, dann noch einmal die Takte 29 und 30 und dann noch einmal, bevor Sie schließlich Takt 31 spielen. Das kann mit dem Ritardando oder der Kadenz kombiniert werden, oder die letzte Note kann einfach kurz gespielt werden.

Ein anderer Ansatz ist die III-VI-ii-V-Umkehrung (= turnaround). Wenn das Lied in den letzten vier Takten mit einer ii-V-I-Kadenz endet, dann können Sie den letzten I-Akkord durch die viertaktige Progression III-VI-ii-V ersetzen, die mehrere Male wiederholt werden kann. Wenn z.B. in der Tonart F das Lied mit

| Gm7 | C7 | F | F |

endet, dann können Sie das durch

| Gm7 | C7 | A7alt | D7alt | Gm7 | C7 | A7alt | D7alt | Gm7 | C7 |...

ersetzen. Sie können auch auf jedem der Dominantakkorde eine Tritonusersetzung benutzen. Außerdem können Sie den I-Akkord F anstelle des A7alt-Akkords benutzen. Sie können diese Akkordprogression so lange fortführen wie Sie möchten, sowohl solo als auch gemeinsam darüber improvisierend. Das wird "vamp" genannt. Das Lied wird schließlich mit einem I-Akkord beendet. Dem geht meistens ein heftiges Winken mit der Hand voraus, um sicherzustellen, daß alle zusammen aufhören.

Ein weiterer beliebter Schluß wird manchmal Duke-Ellington-Schluß genannt, weil er mit Arrangements von Melodien wie Take The A Train verbunden ist, die von Duke geschrieben oder von seiner Band aufgeführt wurden. Dieser Schluß geht davon aus, daß das Lied auf dem ersten Schlag des vorletzten Takts der Form endet, daß der letzte Akkord ein I-Akkord ist, und daß die letzte Note der Grundton dieses Akkords ist. Angenommen das Stück steht in C-Dur. Sie ersetzen einfach die letzten beiden Takte durch C E F F# G A H C, wobei die zweite Note eine Sexte unter der ersten steht und keine Terz darüber. Wenn Sie versuchen diese Linie zu spielen, werden Sie wahrscheinlich den beabsichtigten Rhythmus erkennen, weshalb ich nicht versuche ihn zu notieren.

Mit Problemen umgehen

Sie sollten darauf vorbereitet sein, daß alle möglichen Dinge schiefgehen. Wenn Sie nicht mehr wissen, an welcher Stelle der Form Sie gerade sind, oder spüren, daß jemand anderes es nicht mehr weiß, geraten Sie nicht in Panik. Wenn Sie die Orientierung verloren haben, machen Sie für einen Moment mit dem Spielen Pause, um zu hören, wo die anderen sind. Das sollte nicht zu schwierig sein, wenn Sie mit dem Lied vertraut sind und die anderen Musiker ziemlich sicher sind, wo sie sich gerade befinden. Jemand, der sich sicher ist wo sie gerade sind, kann die Changes ansagen oder zur entsprechenden Zeit "BRIDGE!" oder "TOP!" rufen, damit alles wieder in die richtigen Bahnen kommt. Wenn ein Spieler klar an der falschen Stelle ist und alle anderen wissen, an welcher Stelle derjenige ist, können sie versuchen aufzurücken, um mit dem aus dem Tritt geratenen Spieler wieder auf einen Nenner zu kommen, aber das ist schwierig zu koordinieren. Es ist auch besser, denjenigen zu korrigieren, der aus dem Tritt gekommen ist, als daß alle gemeinsam aus dem Tritt sind, weil die Form idealerweise ohne Unterbrechung weitergehen sollte.

Eine weitere Sache, die schiefgehen kann, ist ein unbeabsichtigter Tempowechsel. Einige Menschen neigen dazu vorauszueilen, manche neigen dazu zurückzufallen. Manchmal kann die Wechselbeziehung zwischen zwei Musikern mit gutem Timing dazu führen, daß das Tempo sich verändert. Wenn z.B. ein Pianist und ein Bassist beide hinter dem Schlag spielen, kann das so erscheinen, als ob das Tempo langsamer wäre, was den Schlagzeuger vielleicht dazu verleitet langsamer zu werden, damit es nicht so erscheint, als ob er den beiden voraus wäre. Wenn Sie davon überzeugt sind, daß das Tempo sich verändert, möchten Sie vielleicht versuchen, ein paar Takte zu dirigieren, um das Tempo zu korrigieren. Ein Metronom kann dabei helfen, das richtige Tempo zu halten, aber mit einem Metronom zu spielen wird gewöhnlich hoffnungslos frustrierend sein, weil es praktisch unmöglich ist, eine Gruppe synchron dazu zu halten. Zum einen ist es oft schwierig, ein Metronom zu hören, wenn mehrere Leute spielen. Zum anderen ist es schwierig, jeden in der Gruppe dazu zu bringen, sich gleichzeitig und auf die gleiche Art anzupassen, sollte die Gruppe gemeinsam vorauseilen oder zurückfallen. Nichtsdestoweniger kann mit einem Metronom zu üben eine nützliche Möglichkeit sein, Ihre Vorstellung des Zeitmaßes zu festigen. Ein besonders sadistischer Orchesterleiter, den ich kenne, ließ uns immer mit einem Metronom anfangen, drehte nach ein paar Takten die Lautstärke herunter und drehte sie nach ungefähr einer Minute wieder auf, um zu sehen, ob wir abgewichen waren.


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