A Jazz Improvisation Primer

von Marc Sabatella

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Übersetzung: Edgar Lins (letzte Änderung 13.6.2005)


Freie Improvisation

Die nächste Stufe der Freiheit bei der Improvisation ist das völlige Eliminieren der Akkorde. In Abhängigkeit davon, wie weit Sie gehen möchten, können Sie auch auf die traditionelle Melodieführung, den Rhythmus, das Timbre oder die Form verzichten. Es gibt viele verschiedene Ansätze für das freie Spielen, aber in seiner eigentlichen Form hat es keine Regeln. Statt technischer Details werde ich größtenteils Beispiele anderer Musiker verwenden.

Viele von Ornette Colemans Kompositionen haben überhaupt keine Akkorde. Die meisten seiner Freebop-Quartett-Aufnahmen mit Don Cherry für Atlantic fallen in diese Kategorie. Der Kopf besteht nur aus einer Melodie, und die Soli sind im allgemeinen Variationen auf der Melodie oder dem Gefühl des Stücks, nicht auf einer Akkordprogression. Zum größten Teil zeigen diese Aufnahmen immer noch einen sehr melodiösen Ansatz und sind vielen Zuhörern zugänglich. Eine Walking-Bass-Linie und ein 4/4-Swing-Schlagzeug-Beat sind durchgängig, und die Form ist die Standardform "Kopf-Soli-Kopf".

Ornettes Album Free Jazz, mit einem Oktett mit Eric Dolphy und Freddie Hubbard, ist entschieden anders. Darin verläßt Ornette nicht nur die traditionellen Konzepte der Harmonie, sondern auch der Melodie. In dem Stück, aus dem dieses Album besteht, gibt es keinen definierbaren Kopf, und die Improvisationen sind weniger melodisch als auf den Quartett-Alben. Das Oktett experimentiert auf diesem Album auch mit der Form; oft spielen mehrere Improvisatoren gleichzeitig. Diese Idee ist so alt wie der Jazz selbst, war aber zu Beginn der Swing-Ära weitgehend vergessen. Die Idee der kollektiven Improvisation der freien Spieler ist viel weniger strukturiert als die der Dixieland-Spieler, und die Ergebnisse sind kakophonischer.

John Coltrane machte in der späteren Zeit seiner Karriere ähnliche Vorstöße, z.B. in Alben wie Ascension. Coltrane experimentierte auch mit dem Rhythmus, besonders in Alben wie Interstellar Space, in denen es keinen definierbaren Puls gibt. Coleman, Coltrane und Musiker, die von ihnen beeinflußt wurden, wie z.B. Archie Shepp und Albert Ayler, experimentierten ebenfalls mit dem Timbre und fanden dabei neue Möglichkeiten, auf ihren Instrumenten Sounds zu erzeugen. Sie gingen sogar so weit, Instrumente zu spielen, auf denen sie wenig oder keine Übung hatten, wie Ornette mit der Trompete und der Geige.

Cecil Taylor spielt das Klavier in einer völlig freien Weise, indem er es genauso als Schlaginstrument wie als Melodie- oder Begleitinstrument benutzt. Seine Auftritte enthalten im allgemeinen keinerlei traditionelle harmonische, melodische oder rhythmische Strukturelemente. Er erzeugt seine eigenen Strukturen. Wenn Sie freie Musik als Solist spielen, haben Sie die völlige Freiheit, jederzeit die Richtung der Musik zu ändern und sind nur sich selbst gegenüber verantwortlich. Sie können das Tempo wechseln, Sie können ohne Tempo spielen, Sie können die Intensität Ihres Spielens variieren, so wie Sie es für angemessen halten. Wenn Sie Musik ohne festgelegte Form in einer Gruppe spielen, wird die Kommunikation besonders wichtig, weil es keinen automatischen Bezugsrahmen gibt, der alle zusammenhält. Cecil Taylor spielt auch in einer Gruppe, und andere Gruppen wie das Art Ensemble Of Chicago sind für diese Art der Freiheit bekannt.

Diese Musikstile sind mit den uns vertrauten Begriffen schwer zu analysieren. Die Musik muß uns auf einer emotionalen Ebene erreichen, um erfolgreich zu sein, und die Emotionen eines jeden werden unterschiedlich beeinflußt. Es scheint oft so, daß je freier die Musik ist, desto intensiver persönlich die Aussage ist. Sie werden selbst entscheiden müssen, wie weit Sie sowohl bei Ihrem eigenen Spielen als auch beim Zuhören gehen möchten. Sie sollten sich auch bewußt sein, daß es vielen Menschen oft mehr Spaß macht, diese Art Musik zu spielen als ihr zuzuhören. Die Herausforderung der Kommunikation und die Begeisterung über den freien Ideenaustausch sind Dinge, die manche Zuhörer nicht schätzen können. Das ist eine freundliche Art zu sagen, daß Ihre Experimente einige Ihrer Zuhörer befremden könnten. Es gibt jedoch ein Publikum, das an dieser Musik Gefallen findet. Sie sollten sich nicht davon abhalten lassen, so frei zu spielen, wie Sie es gerne möchten.


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