A Jazz Improvisation Primer

von Marc Sabatella

© Copyright 1992-2000 Outside Shore Music

Übersetzung: Edgar Lins (letzte Änderung 7.6.2005)


Nichttonale Improvisation

Die Begriffe pantonal, nichttonal und atonal beschreiben alle das Verwischen oder die Beseitigung der traditionellen Tonalität. Die Unterscheidung zwischen diesen Begriffen ist nicht immer eindeutig, weshalb ich den allgemeinsten dieser Begriffe - nichttonal - benutzen werde, um Musik zu beschreiben, die keinen besonderen Grundton hat oder über der die Standardbeziehungen von Akkorden und Tonleitern nicht immer anwendbar sind.

Obwohl nichttonale Musik so erscheinen mag, als ob sie Akkordprogressionen hätte, werden die einzelnen Akkorde oftmals eher wegen ihres insgesamt erzeugten Sounds ausgesucht als wegen ihrer Auflösungen. Jeder Akkord aus jeder Tonart kann benutzt werden, wenn er den richtigen Sound hat. So haben z.B. viele der Melodien auf Miles' Alben E.S.P., Nefertiti, Miles Smiles und Sorcerer weder einen besonderen Grundton noch beinhalten Sie viele traditionelle ii-Vs, die vorübergehende Grundtöne anzeigen würden. Viele der Akkorde sind relativ komplex, z.B. Abmaj7#5, und jeder Akkord wird wegen seines individuellen Sounds ausgewählt, nicht weil der vorhergehende Akkord sich in natürlicher Weise in ihn auflöst oder weil er sich in den nächsten Akkord auflöst. Eine traditionelle Funktionsanalyse der Harmonie (d.h. die Akkorde hinsichtlich ihrer Beziehung zur Tonart zu analysieren) ist nicht immer der beste Weg, an diese Art Musik heranzugehen.

Sie möchten diese Musik vielleicht modal behandeln und die Wahl der Tonleitern durch die Akkorde selbst bestimmen lassen. Sie sollten dabei jedoch vorsichtig sein. Viele der Standardbeziehungen von Akkorden und Tonleitern wurden im Hinblick auf die traditionellen Auflösungen geschaffen. Ihre Phrasen könnten zufällig und unzusammenhängend erscheinen, wenn Sie in nichttonaler Musik die Tonleitern blindlings gemäß der Akkordprogression wechseln. Sie sollten darauf vorbereitet sein, die Beziehungen der Akkorde und Tonleitern etwas lockerer zu behandeln als Sie es beim einfachen Spielen von Changes tun würden.

In tonaler Musik werden Alterationen eines Akkords oft als bloße Farbtöne angesehen, die die Grundfunktion eines Akkords nicht beeinflussen, und Improvisatoren sind in ihren Änderungen der Grundakkorde frei. So ist z.B. ein G7b9-Akkord wahrscheinlich ein Dominantakkord, der nach Cmaj7 aufgelöst wird. Jeder andere Akkord, der dieser Funktion genügt, wie z.B. G7#11 oder sogar eine Tritonusersetzung wie Db7, kann statt dessen benutzt werden, ohne radikal zu ändern wie die Phrase wahrgenommen wird, so daß tonale Improvisatoren diese Art der Alteration oft frei ausführen, entweder explizit oder implizit durch ihre Wahl der Tonleitern. In nichttonaler Musik ist ein Akkord jedoch oft wegen seines einmaligen Sounds besonders gefragt und nicht wegen seiner Funktion in der Progression. Derselbe G7b9-Akkord mag wegen seiner besonderen Dissonanz des G gegen das Ab ausgewählt worden sein oder weil das zufällig die bequemste Art war, den Akkordaufbau (d.h. die Noten aus denen der Akkord besteht) anzugeben, den der Komponist beabsichtigt hatte. Diesen Akkord zu einem G7#11 zu ändern, kann den Sound des Akkords radikaler ändern, als ein ansonsten in keinem Zusammenhang stehender Akkord, der dieselbe G/Ab-Dissonanz hat, wie z.B. Abmaj7, oder einer, der ähnlich aufgebaut ist, wie z.B. E7#9. Sie finden die Wahl der mit diesen Akkorden verbundenen Tonleitern eventuell eine viel geeignetere Ersetzung als solche, die auf der traditionellen Dominantfunktion von G7b9 basieren.

Die wahre Absicht nichttonaler Musik ist jedoch, Sie von den Besonderheiten der Beziehungen zwischen Akkorden und Tonleitern zu befreien und Ihnen zu erlauben, sich auf den Sound an sich zu konzentrieren. Die Linien, die Sie spielen, müssen nicht hinsichtlich ihrer Beziehungen zu den notierten Akkorden analysiert werden, sondern man kann sie statt dessen danach beurteilen, wie sie an dieser Stelle der Phrase zum Sound passen. Wenn der Akkord in einem bestimmten Takt ein maj7#5-Akkord ist, dann sollten Sie den Sound dieses Akkords hören und alle möglichen Linien spielen, die zu diesem Sound passen. Das ist genauso eine emotionale wie eine rationale Entscheidung. Für mich hat dieser Akkord einen offenen, fragenden Sound, den ich mit weiten Intervallen und dem Gebrauch des rhythmischen Raums verbinde. Ich würde wahrscheinlich Linien spielen, die dieses Gefühl widerspiegeln, unabhängig von den tatsächlich beteiligten Noten. Außerdem kann der Sound dieses Akkords auch durch den Zusammenhang, in dem er innerhalb des Stücks steht, beeinflußt werden. So kann z.B. ein Akkord, der in einer Ballade über zwei Takte gespielt wird, völlig anders klingen als derselbe Akkord, der in einem treibenden schnellen Stück als Akzent benutzt wird. Die Beziehungen zwischen Akkorden und Tonleitern mögen immer noch dabei hilfreich sein, festzulegen, welche Noten mehr oder weniger dissonant gegen einen bestimmten Akkord sind; Sie sollten jedoch bestrebt sein, in am Sound orientierten Linien zu denken und die Beziehungen zwischen Akkorden und Tonleitern nur als Werkzeug zu benutzen, die Ihnen dabei helfen, den gewünschten Sound zu erzielen.

Auch in tonaler Musik können die Beziehungen zwischen Akkorden und Tonleitern selbstverständlich als Werkzeuge angesehen werden, und man könnte behaupten, daß das Ziel immer das Repräsentieren von Sounds ist. Sie werden jedoch vielleicht feststellen, daß Melodien mit vielen ii-Vs dazu neigen, in diesem Sinn gleich zu "klingen". Die nichttonale Musik wurde entwickelt, um eine variantenreichere Palette an Sounds zu bieten und das Denken in diesen Linien zu ermutigen. Wie beim Chromatizismus in der tonalen Musik können Sie absichtlich Linien spielen, die dem Sound des Akkords widersprechen, wenn das der Effekt ist, den Sie erzielen möchten. Wichtig ist, daß Sie eine nichttonale Akkordprogression als ein Rezept von Klängen über das Sie improvisieren wahrnehmen, nicht als ein bestimmtes Muster von Akkordauflösungen.


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