A Jazz Improvisation Primer

von Marc Sabatella

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Übersetzung: Edgar Lins (letzte Änderung 1.6.2005)


Chromatizismen

Über Bebop-Stile wurde oben bereits gesagt, daß sie die Harmonien durch die Auswahl von Tonleitern mit vielen Klangfarben ausschöpfen, während das Merkmal des modalen Spielens eher die Betonung der Töne der Grundakkorde ist. Beide Ansätze benutzen immer noch die Beziehungen von Akkorden und Tonleitern in der traditionellen Weise, daß Sie eine Tonleiter auswählen, die den Klang des Akkords in einem gewissen Maß bestimmt, und hauptsächlich innerhalb dieser Tonleiter spielen. Ein anderer Ansatz ist, die Atmosphäre der Akkordprogression beizubehalten aber Linien zu spielen, die weitgehend außerhalb der zugehörigen Tonleitern liegen. Das wird manchmal Chromatizismus genannt. Eric Dolphy benutzte diesen Ansatz als er mit Charles Mingus spielte und auf manchen seiner eigenen Alben, wie z.B. Live At The Five Spot und Last Date. Woody Shaw und Steve Coleman sind ebenfalls chromatische Spieler.

Sie haben wahrscheinlich, vielleicht durch Zufall, bereits einige außerhalb liegende Noten gespielt, z.B. ein Ab gegen einen Cmaj7-Akkord. Diese Noten mögen, wenn sie mit einer ansonsten innerhalb liegenden Melodie zusammen gespielt werden, falsch klingen. Indem Sie eine Melodie spielen, die von einer Tonleiter abgeleitet ist, schaffen Sie einen bestimmten Sound, und eine falsche Note wird deplaziert klingen. Wenn Sie jedoch eine Melodie spielen, die hauptsächlich außerhalb der Tonleiter liegt, passen dieselben Noten wahrscheinlich viel logischer dazu. Das soll heißen, daß nicht zur Tonleiter gehörende Töne, die melodisch benutzt werden, oft konsonant klingen können (das Gegenteil zu dissonant).

Die obengenannten Musiker spielen oft sehr verwinkelte melodische Linien, d.h. diese bestehen aus großen oder ungewöhnlichen Intervallen und wechseln oft die Richtung, statt in erster Linie schrittweise und tonleiterartig zu sein. Das scheint oft einen Sound zu schaffen, in dem falsche Noten vollkommen natürlich klingen. Interessanterweise funktioniert der gegensätzliche Ansatz genausogut: Linien, die viele Halbtonschritte enthalten, klingen oft richtig, obwohl sie aus vielen falschen Noten bestehen. Diese Linien werden manchmal als chromatisch bezeichnet.

Sie können Ihr Wissen über die Beziehungen von Akkorden und Tonleitern weiterbenutzen, wenn Sie chromatisch spielen. Sie wissen z.B., daß eine Des-lydische Tonleiter normalerweise keine geeignete Wahl zum Spielen über einem Cmaj7-Akkord ist, und Sie haben wahrscheinlich eine Vorstellung davon, warum. Dieselben falschen Noten erzeugen jedoch, wenn sie melodisch über dem Akkord benutzt werden, einen Sound, der überhaupt nicht so dissonant ist und einen harmonischen Reichtum hat, der sehr modern klingt. Tatsächlich können sogar einfache melodische Ideen, wie Arpeggios und Tonleitern, in diesem Zusammenhang komplex klingen.

Sie können diese Ideen mit Aebersold-Alben, Band-In-A-Box, ["Begleitungen im Eigenbau" (s. Swing üben)] oder Ihren Mitmusikern üben, sollten aber auf ein paar befremdete Blicke gefaßt sein. Es wurde gesagt, daß es keine falschen Noten gibt, nur falsche Auflösungen. Das erklärt sicherlich, warum Durchgangstöne und Umspielungen konsonant klingen, ich habe aber das Gefühl, daß es dem Spielen der Noten, die von den Standardbeziehungen der Akkorde und Tonleitern vorgegeben werden, immer noch einen zu hohen Wert beimißt. Ich würde es anders formulieren: Die einzigen falschen Noten sind Noten, die Sie nicht beabsichtigten zu spielen. Jede Note, die Sie spielen, ist richtig, wenn sie in einem bedeutungsvollen Zusammenhang steht und nicht wie ein Versehen klingt. Es hat sogar einen Wert, Fehler zu machen. Der Trick ist, ein in sich geschlossenes Ganzes zu formen.


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