A Jazz Improvisation Primer

von Marc Sabatella

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Übersetzung: Edgar Lins (letzte Änderung 6.5.2005)


Modale Improvisation

Eine typische modale Melodie kann u.U. nur aus zwei oder drei Akkorden bestehen, von denen jeder 8 oder sogar 16 Takte dauern kann. Auf der einen Seite ist modales Spielen viel leichter als Changes zu spielen, weil es vom Gehirn nicht die Durchführung von so vielen schnellen Berechnungen für das ständige Wechseln der Tonleitern erfordert. Auf der anderen Seite ist es jedoch eine größere Herausforderung, weil man weder bloß eingeübte ii-V-Licks aneinanderhängen, noch sich auf den cleveren Gebrauch von Tonleitern und auf Akkordersetzungen verlassen kann, um grundlegende Probleme dabei zu überdecken, melodisch zu denken.

Manche Musik wird oft als modal angesehen, obwohl sie traditionellen Akkordprogressionen, wie z.B. der Blues-Progression, folgt. Das Konzept der Modalität hat genausoviel damit zu tun, was mit der Harmonie geschieht, wie mit ihrer Rate der Veränderung. In vom Bebop abgeleiteten Stilen kann ein Solist das Interesse durch seine Wahl der Noten über der Harmonie verlängern - einschließlich Dissonanzen, Spannungen und Auflösungen. Bebop-Spieler beendeten z.B. gerne Phrasen mit der erhöhten Quarte über einem Dominantakkord nur um des Effekts willen, den diese eine Note hatte. Wenn man Soli über modaler Musik spielt, liegt die Betonung weniger auf der harmonischen Wahl und mehr auf der melodischen Entwicklung. Die Ballade Blue In Green von Miles Davis' Kind Of Blue hat genausoviel harmonische Bewegung wie viele andere Melodien, und die Akkorde sind selbst relativ komplex, wie z.B. Bmaj7#11 oder A7alt. Trotzdem nutzen die Soli dieses Stücks die Harmonie nicht aus; statt dessen konzentrieren sie sich auf den Melodizismus einzelner Phrasen. Bebop-Improvisatoren können in ihren Soli die Akkorderweiterungen betonen, während modale Improvisatoren dazu neigen, die Noten der Grundakkorde zu betonen. Bebop-Spieler neigen eher dazu, alle Leerräume mit Noten zu füllen, um die Harmonie vollständig zu definieren, während modale Spieler wahrscheinlich den rhythmischen Raum als melodisch strukturierendes Element benutzen. Beide Ansätze sind berechtigt, es ist aber wichtig, die Unterschiede zwischen ihnen zu verstehen.

Miles Davis' Melodie So What aus dem Album Kind Of Blue ist das klassische Beispiel einer modalen Melodie. Sie folgt einer AABA-Grundstruktur, wobei der A-Abschnitt aus dem d-dorischen Modus besteht und der B-Abschnitt aus dem es-dorischen Modus. Das führt zu 16 aufeinanderfolgenden Takten d-dorisch am Anfang eines jeden Chorus; 24, wenn man die letzten 8 des vorhergehenden Chorus mitzählt. Ihnen könnten schnell die Ideen ausgehen, wenn Sie sich nur auf die sieben Noten der d-dorischen Tonleiter beschränken, aber das ist die Herausforderung. Sie können sich nicht auf den bewußt modischen Sound eines F# über einem C7-Akkord verlassen; Sie müssen mit den gegebenen Noten melodisch spielen.

Sie sind jedoch nicht völlig auf die Noten der Tonleiter beschränkt. Wie bei den ii-V-Progressionen gibt es ein paar Mittel, die Sie in einem modalen Umfeld benutzen können, um Spannung hinzuzufügen. Eines der populärsten solcher Mittel wird "Sideslipping" (≈ Seitwärtsversetzen) genannt. Versuchen Sie, über einem d-dorischen Hintergrund für einen oder zwei Takte Linien zu spielen, die auf Db- oder Eb-Tonleitern basieren. Diese Dissonanz erzeugt eine Spannung, die Sie wieder auflösen können, indem Sie zur ursprünglichen Tonleiter zurückkehren. Sie können auch chromatische Durchgangstöne benutzen. So könnten Sie z.B. über einer d-dorischen Tonleiter versuchen, G G# A zu spielen, wobei das G# ein Durchgangston ist.

Sie können auch die benutzte Tonleiter variieren. Versuchen Sie z.B. für ein paar Takte statt d-dorisch ein d-Moll oder ein pentatonisches d-Moll. Sie können auch einen Tonikaakkord mit dem Dominantseptakkord in dieser Tonart abwechseln. So ist z.B. Dm7 der mit d-dorisch verbundene Akkord. Wenn man diesen als i-Akkord behandelt, ist A7 der V7-Akkord. Sie können deshalb an einigen Stellen Ihrer Improvisation Linien aus allen Tonarten benutzen, die mit A7, A7b9b5, A7alt oder anderen A-Dominantseptakkorden verbunden sind. Das wird eine Art Spannung erzeugen, die Sie auflösen können, indem Sie zur ursprünglichen d-dorischen Tonleiter zurückkehren.

Sie sollten jedoch versuchen, größtenteils bei der modalen Philosophie zu bleiben, wenn Sie modale Melodien spielen, und sich darauf konzentrieren, mit den Tönen der Grundakkorde und Tonleitern so melodisch wie möglich zu sein. Pentatonische Tonleitern sind beim modalen Spielen eine besonders geeignete Wahl, da sie Ihre Wahlmöglichkeiten auf fünf statt auf sieben begrenzen und Sie zusätzlich zwingen, an das Benutzen des Raums und des melodischen Spielens zu denken. Ein ähnlicher Sound wird durch das Spielen von Linien erzielt, die aus Quartintervallen aufgebaut sind. Das wird Quartenharmonie genannt. Sie ist bei modalen Melodien mit wenigen Akkordwechseln besonders effektiv, obwohl diese Art Linien in anderen Situationen ebenfalls benutzt werden können.


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