A Jazz Improvisation Primer

von Marc Sabatella

© Copyright 1992-2000 Outside Shore Music

Übersetzung: Edgar Lins (letzte Änderung 26.4.2005)


Melodische Entwicklung

Melodisch zu spielen sollte eines unserer wichtigsten Anliegen sein. Das bedeutet nicht unbedingt, schön zu spielen, in Ihren Linien sollte aber ein gewisser Sinn für Kontinuität erkennbar sein, und sie sollten in sich selbst interessant sein. Sie sollten sich auch der rhythmischen und harmonischen Entwicklung Ihrer Improvisation bewußt sein; ich fasse diese Konzepte in dem Begriff "melodische Entwicklung" zusammen. Man kann sie nur schwer lehren, und sie ist wahrscheinlich der Aspekt des Improvisierens, der die größte Kreativität erfordert. Jeder kann die Beziehungen von Akkorden und Tonleitern erlernen; es ist das, was Sie aus diesem Wissen machen, das bestimmt, wie Sie klingen. Hal Crooks Buch How To Improvise enthält viele Informationen über die melodische Entwicklung, besonders über rhythmische Variationen, die an den Spieler der Mittelstufe gerichtet sind, während George Russells The Lydian Chromatic Concept Of Tonal Organization For Improvisation und David Liebmans A Chromatic Approach To Jazz Harmony And Melody eine fortgeschrittene und sehr technische Behandlung der harmonischen Entwicklung enthalten.


Die Schrittfolge

Sie sollten sich der Kontur Ihres Solos bewußt sein. Eine verbreitete Art, ein Solo zu konstruieren, baut auf dem Modell für das Erzählen einer Geschichte auf. Man fängt einfach an, baut auf dem Weg zum Höhepunkt eine Reihe kleinerer Glanzlichter ein und kommt dann zu einer abschließenden Phrase. Das funktioniert in den meisten Situationen gut. Sie möchten aber gelegentlich von diesem Format abweichen. Sie können sich dafür entscheiden, stärker zu beginnen, um Ihr Solo einzuführen, oder Sie möchten direkt am Höhepunkt aufhören und auf das Ende verzichten. Sie möchten vielleicht das gesamte Solo mit niedriger Intensität spielen, um ein träges Gefühl zu vermitteln, obwohl Sie wahrscheinlich Ihre Zuhörer jedoch gleichzeitig nicht langweilen möchten. Sie möchten die Intensität eventuell "kontrolliert köcheln lassen". Ähnlich wie ein Bühnenkomiker mit dem Saal arbeitet, möchten Sie vielleicht Ihre Strategie ändern, während Sie die Stimmung des Publikums beurteilen. Sie sollten danach streben, die Kontrolle über die emotionalen Reaktionen zu haben, die Sie in Ihren Zuhörern auslösen.

Es gibt ein paar allgemeine Mittel, die Sie beim Strukturieren Ihres Solos benutzen können. Eines der wichtigsten ist die Wiederholung. Nachdem ein Solist eine Phrase spielt, wiederholt er sie oft oder eine Variation davon. Oftmals wird die Phrase oder ihre Variation dreimal gespielt, bevor man zu etwas anderem übergeht. Die Variation kann eine Transposition der Phrase sein oder eine Veränderung von in ihr enthaltenen Schlüsselnoten, um sie an einen neuen Akkord oder an eine neue Tonleiter anzupassen. Die Variation könnte einfach darin bestehen, daß man die Phrase an einer anderen Stelle des Taktes beginnt, wie z.B. auf dem dritten Schlag statt auf dem zweiten. Die Phrase selbst kann rhythmisch verändert werden, indem man sie schneller oder langsamer spielt.

Mit der Idee der Wiederholung verwandt ist das Konzept von Ruf und Antwort. Anstatt die ursprüngliche Phrase zu wiederholen, können Sie die Phrase als eine Frage oder einen Ruf ansehen und ihr eine Antwort folgen lassen. Das ist die musikalische Analogie dazu, zu fragen "Warst Du heute im Geschäft?" und dann zu antworten "Ja, ich war heute im Geschäft."

Auf den meisten Instrumenten kann man die Intensität dadurch steigern, daß man lauter, höher oder schneller spielt; leiser, tiefer oder langsamer zu spielen verringert üblicherweise die Intensität. Einfache Rhythmen zu spielen, wie z.B. Viertelnoten und Achtelnoten, bei denen die Akzente auf die Schläge fallen, ist normalerweise weniger intensiv als komplexere Rhythmen zu spielen, wie z.B. Synkopen, bei denen die meisten Akzente außerhalb der Schläge fallen. Eine Hemiole ist eine besondere Art von rhythmischem Mittel, bei dem eine Takteinteilung von einer anderen überlagert wird. Ein Beispiel dafür ist die Benutzung von Triolen aus Viertelnoten in einem 4/4-Takt [oder das Halten von Noten über die Taktgrenzen hinweg].

Eine lang gehaltene Note kann ebenfalls auf den meisten Instrumenten eine große Intensität erzeugen, obwohl Klavierspieler eventuell Triller oder Oktavtremolos benutzen müssen, um diese Art von Aushalten zu erzeugen. Eine einzelne Note oder ein kurzer Lick, der ständig wiederholt wird, kann eine ähnliche Intensität erzeugen. Sie müssen sich Ihr eigenes Urteil darüber bilden, wieviel genug ist.

Aufbau der Phrasen

Die Beziehungen zwischen Akkorden und Tonleitern sollten nicht als einschränkend oder bestimmend für Ihre Wahl der Noten angesehen werden. Sie sind bloß eine Hilfe, eine Möglichkeit Ihnen dabei zu helfen, Ihre Ideen den Fingersätzen auf Ihrem Instrument zuzuordnen. Ihre Ideen sollten jedoch nicht von den Tonleitern diktiert werden. Beachten Sie, daß sehr wenige Jazzsänger ausgiebigen Gebrauch von Tonleitern machen; im allgemeinen sind sie in der Lage, eine Idee direkter mit ihrer Stimme umzusetzen. Aus diesem Grund sollten Instrumentalisten, zusätzlich zum Üben ihres Instruments, das Improvisieren durch Singen üben. Egal wie untrainiert Ihre Stimme sein mag, ist sie Ihnen vertrauter als Ihr Instrument, weshalb Sie Ihre Ideen wahrscheinlich besser entwickeln können, indem Sie sie singen, als wenn Sie versuchen, sie zu spielen. Sänger sind allerdings meistens in ihrer Fähigkeit eingeschränkt, komplexe harmonische Ideen zu singen, weil sie keine gut eingeübten Fingersätze haben, auf die sie zurückgreifen können. Die Theorie der Tonleitern kann in der Tat eine Quelle für Ideen sein; sorgen Sie nur dafür, daß sie nicht Ihre einzige Quelle ist.

Versuchen Sie, skalare Linien zu spielen, die hauptsächlich auf Schritten aufgebaut sind, eckige Linien, die hauptsächlich auf Sprüngen aufgebaut sind, sowie Linien, die beide Ansätze vereinen. Versuchen Sie, zusätzlich zum Beachten der Notenwahl, den rhythmischen Gehalt Ihrer Ideen zu variieren. Anfänger unter den Improvisatoren spielen fast alle ihre Phrasen unwissentlich mit nur ein paar unterlegten Rhythmen. Versuchen Sie, Linien zu spielen, die hauptsächlich auf halben Noten und Viertelnoten basieren, Linien, die hauptsächlich auf halben Achtelnoten und Triolen basieren, sowie Linien, die beide Ansätze vereinen.


Nächste Seite Changes spielen
Nächstes Kapitel Begleiten
Vorhergehende Seite Anwendung der Theorie auf die Improvisation
  Inhaltsverzeichnis


Der gesamte Inhalt unterliegt dem Copyright © von "The Outside Shore"

Marc Sabatella / marc@outsideshore.com
P.O. Box 147151, Edgewater, CO 80214-7151


Ende der Übersetzung dieser Seite
Original: http://www.outsideshore.com/primer/primer/ms-primer-5-1.html (extern)

© Copyright (2004-2005) der deutschen Website

Edgar Lins
Usinger Straße 46
61231 Bad Nauheim
Deutschland

musik@uteedgar-lins.de


Homepage von www.uteedgar-lins.de  Homepage von MSJIPDE  Inhaltsverzeichnis  Vorhergehende Seite  Nächste Seite

http://msjipde.uteedgar-lins.de/ms-primer-5-1.html