A Jazz Improvisation Primer

von Marc Sabatella

© Copyright 1992-2000 Outside Shore Music

Übersetzung: Edgar Lins (letzte Änderung 18.4.2005)


Abgeleitete Tonleitern

Die Tonleitern dieses Abschnitts sind hauptsächlich von Akkordprogressionen statt von bestimmten Akkorden abgeleitet. Sie können größtenteils als Bridges zwischen den Akkorden benutzt werden und erlauben es Ihnen, dieselbe oder nah verwandte Tonleitern über zwei oder mehr verschiedenen Akkorden zu spielen. Das wird manchmal harmonisches Generalisieren genannt.


Die Blues-Tonleiter

Die Blues-Tonleiter ist, nach der Durtonleiter, oftmals die erste Tonleiter, die beginnenden Improvisatoren gelehrt wird, und sie ist in manchen Fällen die einzige weitere Tonleiter, die sie jemals lernen. Diese Tonleiter hat angeblich ihre Wurzeln in der Afrikanisch-Amerikanischen Musik, die auf die Tage der Sklaverei zurückgeht, aber der genaue Ursprung ihrer modernen Ausprägung ist unbekannt. Die C-Blues-Tonleiter besteht aus den Noten C Eb F F# G B. Die zweite Stufe dieser Tonleiter, welche die verminderte Terz aus der Molltonleiter ist, wird eine "Blue Note" genannt. In der Vokalmusik wird sie oft irgendwo zwischen einem Eb und einem E gesungen. In der Instrumentalmusik werden verschiedene Techniken angewandt, um denselben Effekt zu erzielen, wie z.B. die Saite eines Saiteninstruments dehnen, während man ein Eb spielt, ein E auf einem Blasinstrument mit entsprechender Lippentechnik etwas tiefer spielen ("lipping down") oder auf einem Tasteninstrument das Eb und das E gleichzeitig [oder kurz nacheinander] anschlagen. Die verminderte Septime und Quinte werden manchmal ebenfalls als "Blue Notes" bezeichnet und werden nicht immer genau in der notierten Tonhöhe gesungen oder gespielt. Variationen der Blues-Tonleiter, die die unveränderte Terz, Quinte oder Septime einschließen, können ebenfalls benutzt werden. Beachten Sie auch, daß wenn die verminderte Quinte weggelassen wird, die resultierende Tonleiter die pentatonische Molltonleiter ist. Die pentatonische Molltonleiter kann deshalb als Ersatz für die Blues-Tonleiter benutzt werden und umgekehrt.

Das Gute an der Blues-Tonleiter ist, daß sie über einer ganzen Blues-Progression ohne wirkliche zu vermeidende Noten gespielt werden kann. Wenn man versucht, Linien zu spielen, die auf dieser Verwendung basieren, z.B. eine C-Blues-Tonleiter über einem C7-Akkord, erhält man sofort eine positive Rückantwort, weil fast alles, was man tun kann, gut klingt. Das führt bei vielen Spielern leider dazu, daß sie die Tonleiter zuviel benutzen und ihnen schnell die interessanten Ideen ausgehen. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Phrasen (Licks), die über einer aus sechs Noten bestehenden Tonleiter gespielt werden können, und die meisten davon wurden bereits tausende Male gespielt. Das soll nicht heißen, daß man die Blues-Tonleiter nicht benutzen sollte; im Gegenteil, sie ist für den Jazz von allergrößter Wichtigkeit. Sie sollten sich aber nicht derart für den durch sie erzielbaren schnellen Erfolg begeistern, daß Sie immer und immer wieder Blues-Licks üben, anstatt Ihr harmonisches Vokabular zu erweitern.

Die Sprachmetapher ist zutreffend. Es ist schwierig, interessante Dinge mit einem begrenzten Vokabular auszudrücken. Spieler wie Count Basie werden oft als Beispiele für Musiker hingestellt, die in der Lage sind, viel aus wenig zu machen, aber es ist ein Unterschied, ob man wenige Worte sagt, die man sorgfältig gewählt hat, oder wenige Worte sagt, weil man nichts zu sagen hat oder das Vokabular zu begrenzt ist, um seine Gedanken auszudrücken. Dieser Rat geht natürlich über die Blues-Tonleiter hinaus.

Es ist nicht immer notwendig, daß Sie den harmonischen Gehalt Ihres Spielens variieren, wenn Sie hinsichtlich anderer Aspekte genügend kreativ sind. Eine Möglichkeit, beim Benutzen der Blues-Tonleiter etwas Interessantes hinzuzufügen, ist, besondere Effekte für das Variieren des Sounds zur Verfügung zu haben. Das kann bei Saxophonisten z.B. "honking" (≈ hupen) und "screaming" (≈ schreien) sein, bei Blechbläsern "growling" (≈ knurren, brummen) oder das Benutzen von Clustern auf dem Klavier.

Molltonleitern

Die harmonische Molltonleiter wird manchmal über m-maj7-Akkorden gespielt. Ihre Moden haben keine allgemeinen Namen und werden von Jazz-Musikern, außer als Bridges über einer ii-V-i-Akkordprogression, selten benutzt. Nehmen Sie z.B. die Akkordprogression | Hm7b5 | E7alt | Am-maj7 |. Eine harmonische a-Moll-Tonleiter kann über allen diesen drei Akkorden anstelle der traditionellen h-lokrischen, e-alterierten und melodischen a-Moll-Tonleiter gespielt werden. Anders gesagt: Der zweite Modus kann über einem m7b5-Akkord gespielt werden, und der fünfte Modus kann über einem alterierten Dominantakkord benutzt werden. Sogar wenn man die harmonische Molltonleiter nicht über einer ganzen Progression benutzt, möchte man eventuell ihren fünften Modus über dem V-Akkord in einer ii-V-i-Progression einer Molltonart benutzen. Der Vorteil davon, in diesem Beispiel diese Tonleiter zu benutzen, ist, daß sie sich von der h-lokrischen und der melodischen a-Moll-Tonleiter jeweils nur durch eine Note unterscheidet. Der Nachteil ist, daß der Grundton der Tonleiter in diesem Zusammenhang eine zu vermeidende Note ist.

Die melodische Molltonleiter kann auf dieselbe Art benutzt werden; ihr fünfter Modus kann über dem V-Akkord einer ii-V-i-Progression benutzt werden, um eine gewisse Gemeinsamkeit zwischen den benutzten Tonleitern zu bewahren. Beachten Sie jedoch, daß der zweite Modus des melodischen a-Moll keine ideale Wahl über dem Hm7b5-Akkord ist, weil diese Tonleiter anstelle des F ein F# enthält. Das ist der einzige Unterschied zwischen der harmonischen und der melodischen Molltonleiter. Ob Sie sich dafür entscheiden, den fünften Modus der harmonischen oder der melodischen Molltonleiter über einem Dominantseptakkord zu benutzen, mag teilweise von der Tonart des Lieds abhängen. Kommt in der Vorzeichnung der Tonart ein F# vor, dann wird das melodische Moll wahrscheinlich diatonischer klingen. Sie können diese Tonleiter wählen, wenn das der Sound ist, den Sie erreichen möchten, oder das harmonische Moll, wenn Sie vermieden möchten, diatonisch zu klingen. Im Gegensatz dazu wird, wenn in der Vorzeichnung der Tonart kein F# vorkommt, das harmonische Moll diatonischer klingen. Ein weiterer zu bedenkender Punkt ist, welche dieser Tonleitern der Tonleiter näher ist, die Sie im vorangegangenen oder im folgenden Akkord benutzen. In Abhängigkeit vom Sound, den Sie versuchen zu erzielen, möchten Sie eventuell die Tonleiter wählen, die mit den benachbarten Tonleitern entweder mehr oder weniger Noten gemeinsam hat.

Bebop-Tonleitern

Die Dur-Bebop-Tonleiter ist eine Durtonleiter mit einer zusätzlichen erhöhten Quinte oder verminderten Sexte. Die C-Dur-Bebop-Tonleiter besteht aus den Noten C D E F G G# A H. Diese Tonleiter kann über Durseptakkorden und übermäßigen Durseptakkorden benutzt werden. Die C-Dur-Bebop-Tonleiter kann ebenfalls als Bridge zwischen Akkorden in einer Progression wie | Cmaj7 | Hm7b5  E7 | Am | benutzt werden; d.h., dieselbe Tonleiter kann über der gesamten Progression gespielt werden. Man kann es aber auch so sehen, daß man die C-Dur-Bebop-Tonleiter selbst über dem Cmaj7-Akkord spielt, ihren achten Modus über dem Hm7b5-Akkord spielt, ihren dritten Modus über dem E7-Akkord spielt und ihren siebten Modus über dem Am-Akkord spielt. Diese Moden ähneln jeweils sehr der Durtonleiter, der lokrischen, alterierten und der Molltonleiter. Beachten Sie, daß wir die C-Dur-Bebop-Tonleiter über einer ii-V-i-Progression in a-Moll benutzen. Im allgemeinen können wir die Dur-Bebop-Tonleiter in jeder vorgegebenen Tonart über einer ii-V-i-Progression der parallelen Molltonart dieser Tonleiter benutzen.

Eine weitere Bebop-Tonleiter ist z.B. die Dominant-Bebop-Tonleiter, welche dem mixolydischen Modus ähnlich ist aber eine zusätzliche große Septime enthält. Die C-Dominant-Bebop-Tonleiter ist somit C D E F G A B H. Diese Tonleiter kann über Dominantseptakkorden benutzt werden. Die große Septime ist keine wirkliche zu vermeidende Note, wenn man sie als Übergangston zwischen C und B benutzt. Sie dient auch als erhöhte Quarte im Fmaj7-Akkord, der voraussichtlich auf den C7-Akkord folgt. Es gibt auch die Moll-Bebop-Tonleiter, die eine dorische Tonleiter mit einer zusätzlichen erhöhten Terz ist. die c-Moll-Bebop-Tonleiter ist somit C D Eb E F G A B. Diese Tonleiter kann über Mollseptakkorden benutzt werden und wird oft in Blues-Progressionen von Molltonarten benutzt, um den Akkorden ein größeres Dominantseptgefühl zu verleihen.

Synthetische Tonleitern

Die Blues- und Bebop-Tonleitern werden manchmal synthetische Tonleitern genannt, weil sie nicht gut zur klassischen Theorie passen und es so erscheint, also ob sie erfunden wurden, um zu einer besonderen Situation zu passen. Im allgemeinen kann jede beliebige Zahl synthetischer Tonleitern konstruiert werden, indem man nur kleine, große und übermäßige Sekunden benutzt. Sie können versuchen, mit der Entwicklung Ihrer eigenen Tonleitern zu experimentieren und nach Gelegenheiten Ausschau halten, sie zu benutzen.


Nächste Seite Akkord/Tonleiter-Tabelle
Nächstes Kapitel Anwendung der Theorie auf die Improvisation
Vorhergehende Seite Pentatonische Tonleitern
Anfang des Kapitels Beziehungen von Akkorden und Tonleitern
  Inhaltsverzeichnis


Der gesamte Inhalt unterliegt dem Copyright © von "The Outside Shore"

Marc Sabatella / marc@outsideshore.com
P.O. Box 147151, Edgewater, CO 80214-7151


Ende der Übersetzung dieser Seite
Original: http://www.outsideshore.com/primer/primer/ms-primer-4-6.html (extern)

© Copyright (2004-2005) der deutschen Website

Edgar Lins
Usinger Straße 46
61231 Bad Nauheim
Deutschland

musik@uteedgar-lins.de


Homepage von www.uteedgar-lins.de  Homepage von MSJIPDE  Inhaltsverzeichnis  Vorhergehende Seite  Nächste Seite

http://msjipde.uteedgar-lins.de/ms-primer-4-6.html