A Jazz Improvisation Primer

von Marc Sabatella

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Übersetzung: Edgar Lins (letzte Änderung 14.3.2005)


Harmonie der melodischen Molltonleitern

In der klassischen Theorie gibt es drei Arten von Molltonleitern. Die Molltonleiter, die wir bereits besprochen haben, d.h. der äolische Modus der Durtonleiter, wird auch reines Moll genannt. Die beiden anderen Molltonleitern sind von dieser abgeleitet, um interessantere harmonische und melodische Möglichkeiten zur Verfügung zu haben. Wenn Sie eine ii-V-I-Progression in einer Molltonart bilden, werden Sie feststellen, daß der Septakkord auf dem Grundton ein Mollseptakkord und der Septakkord auf der zweiten Stufe ein halbverminderter Septakkord ist - so z.B. die Akkorde Am7 und Hm7b5 in der Tonart a-Moll. Der Akkord, der auf der fünften Stufe dieser Tonleiter aufgebaut wird, ist ein Mollakkord, z.B. Em7 in a-Moll. Die Auflösung von Em7 nach Am7 ist nicht so stark wie die von E7 nach Am7. Auch klingt Am7 nicht wie eine Tonika; er klingt so, als ob er in einen D-Akkord aufgelöst werden müßte. Indem man die siebte Stufe der Molltonleiter um einen Halbton anhebt (d.h. das G von a-Moll zu einem G#), werden diese Probleme gelöst. Der Akkord, der auf der fünften Stufe aufgebaut wird, ist nun E7, und der Septakkord, der auf dem Grundton gebildet wird, ist ein a-Moll-Dreiklang mit einer großen Septime, der oft Am-maj7 notiert wird. Das erzeugt eine viel stärkere ii-V-i. Die daraus resultierende Tonleiter A H C D E F G# wird harmonisches Moll genannt, da es so empfunden wird, daß es interessantere Harmonien als das reine Moll hervorbringt.

Die siebte Stufe einer Durtonleiter wird manchmal Leitton genannt, weil sie nur einen Halbton unter der Tonika ist und zu dieser melodisch stark hinführt. Die siebte Stufe der reinen Molltonleiter ist jedoch einen Ganzton unterhalb der Tonika und führt nicht annähernd so stark zu ihr. Obwohl die harmonische Molltonleiter einen Leitton enthält, werden Sie beim Spielen dieser Tonleiter bemerken, daß das Intervall zwischen der sechsten und siebten Stufe (das F und G# im harmonischen a-Moll) melodisch gesehen unangenehm ist. Dieses Intervall wird als übermäßige Sekunde bezeichnet. Obwohl es wie eine kleine Terz klingt, gibt es keine Noten der Tonleiter, die dazwischenliegen. Dieses Intervall wurde in der klassischen Harmonie als dissonant angesehen. Um dem abzuhelfen, kann die sechste Stufe ebenfalls um einen Halbton angehoben werden (von F zu F#), um zum melodischen Moll zu gelangen. In der klassischen Theorie wird diese Tonleiter oft nur aufsteigend benutzt. Beim Absteigen wird statt dessen, da das G# nicht als Leitton zur Tonika A benutzt wird, oft das reine Moll benutzt. Die Jazz-Harmonie macht jedoch normalerweise keinen Unterschied zwischen diesen Fällen. Die melodische Molltonleiter A H C D E F# G# wird sowohl beim Aufsteigen als auch beim Absteigen benutzt.

Sowohl die harmonische als auch die melodische Molltonleiter umschreiben einen m-maj7 i-Akkord, z.B. Am-maj7 (A C E G#) in a-Moll. Sowohl die harmonische als auch die melodische Molltonleiter können auf diesem Akkord verwendet werden. Die melodische Molltonleiter wird auch auf Akkorden benutzt, die einfach mit m6 angezeigt werden, obwohl dieses Symbol, wie bereits angemerkt, auch den dorischen Modus implizieren kann. Verschiedene Moden der melodischen Molltonleiter führen zu besonders interessanten Harmonien und werden im Jazz häufig gespielt. Diese Tonleitern werden gewöhnlich in der klassischen Theorie nicht beschrieben, so daß ihre Bezeichnungen weniger standardisiert sind als die Moden der Durtonleiter.


Phrygisch #6

Es gibt keinen allgemeinen Begriff für den zweiten Modus der melodischen Molltonleiter. Der zweite Modus der melodischen a-Moll-Tonleiter ist H C D E F# G# A. Diese Tonleiter ist dem phrygischen Modus ähnlich, außer daß sie eine erhöhte sechste Stufe hat. Aus diesem Grund kann sie Phrygisch #6 genannt werden, obwohl diese Bezeichnung keineswegs der Standard ist. Sie wird meistens als Ersatz für den phrygischen Modus benutzt.

Lydisch erweitert

Der dritte Modus der melodischen Molltonleiter ist als lydisch erweiterte Tonleiter bekannt. Im melodischen a-Moll wird eine lydisch erweiterte Tonleiter auf C gebildet und besteht aus C D E F# G# A H. Diese Tonleiter enthält einen übermäßigen Durseptakkord C E G# H. Für diesen Akkord gibt es kein Standardsymbol, aber gelegentlich wird Cmaj7#5 benutzt, sowie Cmaj7-aug oder Cmaj7+. Wenn dieser Akkord gebraucht wird, ist die lydisch erweiterte Tonleiter eine angemessene Wahl. Der maj7#5-Akkord wird meistens als Ersatz für einen gewöhnlichen Durseptakkord benutzt.

Lydisch dominant

Der vierte Modus der melodischen Molltonleiter wird oft lydisch dominant oder lydisch b7 genannt. Wenn Sie ihn erzeugen, sollten Sie wissen warum. Im melodischen a-Moll wird eine lydisch dominante Tonleiter auf D gebildet und besteht aus den Noten D E F# G# A H C. Diese Tonleiter entspricht der D-Dur-Tonleiter D E F# G A H C# aber mit zwei Änderungen: der typischen erhöhten vierten Stufe des lydischen Modus und der typischen verminderten siebten Stufe des mixolydischen Modus. Der mixolydische Modus wurde als eine mögliche Tonleiterwahl für den Gebrauch über einem Dominantseptakkord beschrieben, aber der vierte Schritt war eine zu vermeidende Note. Die lydisch dominante Tonleiter enthält diese zu vermeidende Note nicht. Wie bei der lydischen Tonleiter und der erhöhten vierten Stufe über einem Durseptakkord, kann die lydisch dominante Tonleiter zunächst ungewohnt klingen, aber sie ist im allgemeinen, wenn sie über einem Dominantseptakkord gespielt wird, interessanter als die mixolydische.

Dieser besondere Sound, die erhöhte vierte Stufe über einem Dominantseptakkord, wurde in der Bebop-Ära weithin benutzt und brachte den frühen Bebop-Musikern viel Kritik für ihren Gebrauch solcher nicht traditioneller Sounds ein. Dieser Sound war auch der Ursprung von Thelonious Monks Komposition Raise Four, die die erhöhte vierte Stufe auffallend herausstellt. Der Gebrauch dieser Tonleiter wird oft durch das Symbol D7#11 ausdrücklich angezeigt. Bebop-Musiker haben die vierte Stufe oft eine verminderte Quinte genannt und den Akkord D7b5 geschrieben, obwohl das normalerweise die verminderte Tonleiter impliziert, was später behandelt wird.

Fünfter Modus

Der fünfte Modus der melodischen Molltonleiter hat keinen allgemein bekannten Namen und wird normalerweise nur über dem V-Akkord in einer ii-V-i-Progression einer Molltonart benutzt. Diese Verwendung wird später besprochen.

Lokrisch #2

Der sechste Modus der melodischen Molltonleiter wird oft Lokrisch #2 genannt, weil er tatsächlich der lokrische Modus mit einer erhöhten zweiten Stufe ist. Der f#-lokrische Modus basiert z.B. auf G-Dur und besteht aus den Noten F# G A H C D E, aber die f#-lokrische-#2-Tonleiter basiert auf dem melodischen a-Moll und besteht aus F# G# A H C D E. Da die zweite Stufe des lokrischen Modus eine über einem m7b5-Akkord zu vermeidende Note ist, wird statt dessen oft die lokrische-#2-Tonleiter benutzt. Diese Tonleiter wird manchmal auch die halbverminderte Tonleiter genannt.

Alterierte Tonleiter

Der siebte Modus der melodischen Molltonleiter wird oft verminderte Ganztonleiter genannt, weil sie Elemente der verminderten und der Ganztonleitern, die später besprochen werden, kombiniert. Ein anderer Name für diese Tonleiter ist die alterierte Tonleiter. Um den Grund dafür zu sehen, erinnern Sie sich an die Einführung über die Akkorde. Akkorde werden gebildet, indem man Terzen übereinanderstapelt. Aus drei Noten bestehende Dreiklänge und aus vier Noten bestehende Septakkorde wurden besprochen. In der Tonart C ist G7 der Dominantseptakkord. Er besteht aus dem Grundton (G), einer Terz (H), einer Quinte (D) und einer Septime (F). Wenn wir oben eine weitere Terz (A) hinzufügen, erhalten wir den Nonenakkord G9. Wenn wir noch eine Terz (C) hinzufügen, erhalten wir den Undezimenakkord G11. Das C ist die vierte Stufe der Tonleiter und ist normalerweise eine zu vermeidende Note. Dieses Symbol wird normalerweise nur benutzt, wenn die vierte Stufe ausdrücklich gewollt ist, wie z.B. bei einem Vorhaltsakkord. Wenn wir nochmal eine Terz (E) hinzufügen, erhalten wir den Terzdezimenakkord G13. Das C wird bei diesem Akkord normalerweise weggelassen. Eine weitere Terz bringt uns zum G zurück.

Dieser Akkord kann durch das Erhöhen oder Vermindern einzelner Noten um einen Halbton verändert (= alteriert) werden. Der Grundton, die Terz und die Septime werden normalerweise nicht alteriert, da sie ein großer Teil dessen sind, was den Akkord bestimmt. Eine Veränderung einer dieser Noten zerstört das Dominantengefühl des Akkords. Die erhöhte Undezime wurde bereits besprochen. Die anderen interessanten Alterationen sind jene der Quinte und None. Bei einem G7-Akkord bedeutet das die verminderte Quinte (Db), die erhöhte Quinte (D#), die verminderte None (Ab) und die erhöhte None (A#).

Lassen Sie uns nun zur sogenannten alterierten Tonleiter zurückkehren. Eine g-alterierte-Tonleiter kann aus einer melodischen as-Moll-Tonleiter aufgebaut werden und besteht aus den Noten G Ab B/A# Cb/H Db Eb/D# F. Beachten Sie, daß diese Tonleiter G, H und F enthält, d.h. den Grundton, die Terz und die Septime des G7-Akkords. Der Rest der Noten - Ab, B, Db und Eb - sind die verminderte None, die erhöhte None, die verminderte Quinte und die erhöhte Quinte. Mit anderen Worten: alle in einem Nonenakkord möglichen Alterationen sind in dieser Tonleiter enthalten. Der Akkord, der durch diese Tonleiter impliziert wird, wird oft einfach G7alt notiert, obwohl G7#9#5 ebenfalls benutzt wird, wie auch G7#9. Die Symbole b9 und b5 werden in diesem Zusammenhang normalerweise nicht benutzt, obwohl sie in der Tonleiter vorkommen, weil sie die verminderte Tonleiter implizieren, die später besprochen wird.

Der Sound der alterierten Tonleiter und der Akkord, den sie impliziert, sind viel komplexer als alle anderen Dominantseptakkorde und Tonleitern, die bisher vorgestellt wurden, und er ist einer der wichtigsten Sounds im Post-Bebop-Jazz. Sie müssen eventuell mehr Zeit mit dieser Tonleiter verbringen, um sich an sie zu gewöhnen. Versuchen Sie, am Klavier den Grundton, die Terz und die Septime mit der linken Hand zu spielen, während Sie die alterierte Tonleiter und darauf basierende Linien mit der rechten Hand spielen. Sie können diese Tonleiter sogar benutzen, wenn der Akkord ein gewöhnlicher Dominantseptakkord ist, aber Sie sollten innerhalb einer Gruppe vorsichtig damit sein, weil andere Mitglieder der Gruppe eventuell mixolydische oder lydisch dominante Sounds spielen und Ihre alterierte Tonleiter dissonant dagegen klingen wird. Das ist nicht zwangsläufig falsch, aber Sie sollten sich des erzeugten Effekts bewußt sein.


Übersicht der Moden

[Die folgende Tabelle ist im Original nicht enthalten.]

Tonart Tonfolge zur Ableitung Schrittfolge Tonleiter der a-Tonart
(reines Moll)A H C D E F G Ag h g g h g gA H C D E F G A
(harmonisches Moll)A H C D E F G# Ag h g g h ü hA H C D E F G# A
melodisches MollA H C D E F# G# Ag h g g g g hA H C D E F# G# A
Phrygisch #6H C D E F# G# A Hh g g g g h gA B C D E F# G A
Lydisch erweitertC D E F# G# A H Cg g g g h g hA H C# D# E# F# G# A
Lydisch dominantD E F# G# A H C Dg g g h g h gA H C# D# E F# G A
Fünfter ModusE F# G# A H C D Eg g h g h g gA H C# D E F G A
Lokrisch #2F# G# A H C D E F#g h g h g g gA H C D Eb F G A
Alterierte TonleiterG# A H C D E F# G#h g h g g g gA B C Db Eb F G A

Bei der Schrittfolge steht "h" für einen Halbtonschritt, "g" für einen Ganztonschritt und "ü" für eine übermäßige Sekunde (drei Halbtonschritte).


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