A Jazz Improvisation Primer

von Marc Sabatella

© Copyright 1992-2000 Outside Shore Music

Übersetzung: Edgar Lins (letzte Änderung 29.07.2012)


Theoretische Grundlagen

Dieser Abschnitt wiederholt die Konzepte der Intervalle, Tonleitern, Tonarten und Akkorde aus der klassischen Theorie.Leser mit einer klassischen Grundausbildung können diesen Abschnitt übergehen, wenn sie möchten.

Intervalle

In der traditionellen Musik gibt es zwölf verschiedene Noten: C, C#/Db, D, D#/Eb,E, F, F#/Gb, G, G#/Ab, A, A#/B und H.Nach H kommt wieder C, nur eine Oktave höher, usw. wie zuvor.Diese Reihenfolge wird chromatische Tonleiter genannt.Jeder Schritt in dieser Tonleiter wird als Halbtonschritt oder Halbton bezeichnet.Das Intervall zwischen zwei Noten wird durch die Anzahl der Halbtonschritte definiert.Zwei Noten, die einen Halbtonschritt voneinander entfernt sind, wie z.B. C und C#, bilden eine kleine Sekunde.Zwei Noten, die zwei Halbtonschritte voneinander entfernt sind, wie z.B. C und D, bilden eine große Sekunde.Dieses Intervall wird auch Ganztonschritt genannt.Die weiteren Intervalle sind in aufsteigender Reihenfolge der Halbtonschritte: kleine Terz, große Terz, reine Quarte, Tritonus, reine Quinte, kleine Sexte, große Sexte, kleine Septime, große Septime und schließlich die Oktave.

Die meisten dieser Intervalle haben noch andere Bezeichnungen.Ein Tritonus wird z.B. manchmal übermäßige Quarte genannt, wenn die Bezeichnung der Noten scheinbar eine Quarte beschreibt.So wird das Tritonusintervall C - F# als übermäßige Quarte bezeichnet, weil das Intervall C - F eine reine Quarte ist.Im Gegensatz dazu wird der Tritonus manchmal verminderte Quinte genannt, wenn die Bezeichnung der Noten scheinbar eine Quinte beschreibt.So wird z.B. das Tritonusintervall C - Gb, das eigentlich dasselbe ist wie das Intervall C - F#, als verminderte Quinte bezeichnet, weil das Intervall C - G eine reine Quinte ist.Im allgemeinen wird jedes große oder reine Intervall, das durch ein Vorzeichen (das b oder # bei der Note) um einen Halbtonschritt vergrößert wird, zu einem übermäßigen Intervall und jedes kleine oder reine Intervall, das durch ein Vorzeichen um einen Halbtonschritt verkleinert wird, zu einem verminderten Intervall.

Dur- und Molltonleitern

Alle Tonleitern sind einfach Teilmengen der chromatischen Tonleiter.Die meisten Tonleitern bestehen aus 7 verschiedenen Noten, obwohl es einige aus 5, 6 oder 8 Noten gibt.Die einfachste Tonleiter, die ich als Beispiel zur Behandlung der Akkorde benutzen werde, ist die C-Dur-Tonleiter C D E F G A H.Eine Durtonleiter wird durch die Intervallfolge "g g h g g g (h)" zwischen den Noten bestimmt, wobei "g" einen Ganztonschritt und "h" einen Halbtonschritt bedeutet.Somit ist die G-Dur-Tonleiter G A H C D E F# mit einem Halbtonschritt, der zum G führt, das der Anfang der nächsten Oktave ist.

Die Tonleiter, die aus denselben Noten wie die C-Dur-Tonleiter besteht aber mit A beginnt (A H C D E F G), ist die a-Moll-Tonleiter.Diese wird die Paralleltonart von C-Dur genannt, da sie die Molltonleiter ist, die aus denselben Noten besteht.Die Paralleltonart jeder Durtonart wird gebildet, indem man dieselben Noten spielt aber mit der sechsten Note der Durtonleiter beginnt [der Abstand der Grundtöne, hier z.B. A und C, zueinander beträgt immer drei Halbtöne, d.h. eine kleine Terz].So ist e-Moll die Paralleltonart von G-Dur.

Ein Stück, das auf einer bestimmten Tonleiter basiert, "steht" in der Tonart dieser Tonleiter.Ein Stück, das auf den Noten C D E F G A H basiert, steht entweder in C-Dur oder in a-Moll.Die Akkordprogression des Stücks unterscheidet eventuell zwischen den beiden.Genauso steht ein Stück, das auf den Noten G A H C D E F# basiert, entweder in G-Dur oder e-Moll.Wenn das Wort "Dur" oder "Moll" fehlt, bedeutet das "Dur".Die mit Vorzeichen versehenen Noten der Tonleiter bestimmen die Vorzeichnung der zugehörigen Tonart.So steht z.B. das # in G-Dur an der Stelle von F#.

Sie sollten versuchen, verschiedene Dur- und Molltonleitern zu spielen.Sie können sich die Noten selbst aufschreiben oder ein Buch, wie z.B. Dan Haerles Scales For Jazz Improvisation, kaufen, das bereits viele ausgeschriebene Tonleitern enthält.Sie sollten die unten beschriebenen komplexeren Tonleitern ebenfalls aufschreiben und üben.Zuhörer sollten jede Tonleiter so weit üben, daß sie mit dem Klang vertraut werden.In vielen Fällen wird eine Tonart genügen.Auftretende sollten jede Tonleiter in allen zwölf Tonarten und über den gesamten Tonumfang ihres Instruments üben, bis sie alle vollständig beherrschen.Sie sollten sich jedoch nicht derart an den verschiedenen Tonleitern festbeißen, daß Sie eventuell frustriert werden und nicht zum nächsten Abschnitt über die Anwendung der Theorie übergehen.Sie sollten mit der Anwendung beginnen, sobald Sie die unten beschriebenen dorischen, mixolydischen, lydischen und lokrischen Moden einigermaßen beherrschen.

Akkorde

Ein Akkord ist eine Gruppe von gewöhnlich gleichzeitig gespielten Noten, die zueinander in einem bestimmten harmonischen Verhältnis stehen.Der grundlegendste Akkord ist der Dreiklang.Der Dreiklang besteht, wie der Name sagt, aus drei Noten, die durch Intervalle von einer Terz voneinander getrennt sind.[In der Regel werden die Akkorde im folgenden aus "leitereigenen" Tönen gebildet, d.h. aus Tönen, die zu der 7-stufigen Tonleiter gehören. Ausnahmen sind die verminderten und übermäßigen Akkorde.]Die Noten C E G bilden z.B. einen C-Dur-Dreiklang.Er wird so genannt, weil die drei Noten vom Anfang der C-Dur-Tonleiter stammen.Das Intervall C - E ist eine große Terz, und das Intervall E - G ist eine kleine Terz.Diese Intervalle definieren einen Durdreiklang.Ein G-Dur-Dreiklang besteht aus G H D; andere Durdreiklänge sind genauso aufgebaut.

Die Noten A C E bilden einen a-Moll-Dreiklang, der so genannt wird, weil die Noten vom Anfang der a-Moll-Tonleiter stammen.Das Intervall A - C ist eine kleine Terz, und das Intervall C - E ist eine große Terz.Diese Intervalle definieren einen Molldreiklang.Ein e-Moll-Dreiklang besteht aus E G H; andere Molldreiklänge sind genauso aufgebaut.

Die beiden anderen Arten von Dreiklängen sind der verminderte Dreiklang und der übermäßige Dreiklang.Ein verminderter Dreiklang ist wie ein Molldreiklang aufgebaut, aber die obere große Terz ist zu einer kleinen Terz verkürzt.So wird ein verminderter a-Dreiklang gebildet, indem man das E eines a-Moll-Dreiklangs in ein Eb ändert.Ein übermäßiger Dreiklang ist wie ein Durdreiklang aufgebaut, aber die obere kleine Terz ist zu einer großen Terz verlängert.So wird ein übermäßiger C-Dreiklang gebildet, indem man das G eines C-Dur-Dreiklangs in ein G# ändert.Beachten Sie, daß ein verminderter Dreiklang aus drei Noten der Durtonleiter gebildet werden kann, z.B. H D F von C-Dur.Es gibt jedoch keine natürlich vorkommenden übermäßigen Dreiklänge in den Dur- oder Molltonleitern.

Ein Dreiklang kann durch das Hinzufügen zusätzlicher Terzen erweitert werden.Wenn Sie z.B. zum C-Dur-Dreiklang (C E G) ein H hinzufügen, erhalten Sie einen C-Dur-Septakkord (Cmaj7 oder CM7), der so genannt wird, weil die Noten aus der C-Dur-Tonleiter (C major) stammen.Wenn Sie einen a-Moll-Dreiklang (A C E) nehmen und ein G hinzufügen, erhalten Sie einen a-Moll-Septakkord (Am7 oder A-7), der so genannt wird, weil die Noten aus der a-Moll-Tonleiter (A minor) stammen.[Die klassische Harmonielehre unterscheidet die Septakkorde oder Septimenakkorde außerdem in "große Septakkorde" und "kleine Septakkorde". Beide bestehen aus einem Dur- oder Molldreiklang mit dem Rahmenintervall (d.h. dem Intervall vom Grundton zum oberen Ton) von einer Quinte. Beim großen Dur- bzw. Mollseptakkord wird dem Dreiklang die große Terz des oberen Tons hinzugefügt und bei dem kleinen Dur- bzw. Mollseptakkord die kleine Terz, oder anders formuliert: die große oder kleine Septime des Grundtons.]Der verbreitetste Typ des Septakkords in der klassischen Harmonie ist jedoch der Dominantseptakkord, der durch Hinzufügen einer kleinen Septime zu dem Durdreiklang der fünften Stufe einer Durtonleiter - auch die Dominante genannt - gebildet wird.So ist z.B. in der Tonart C-Dur die fünfte Note ein G, so daß ein G-Dur-Dreiklang (G H D) mit einer zusätzlichen Septime (F) ein Dominantseptakkord (G7) ist.

Diese drei Arten von Septakkorden stehen zueinander in einem sehr wichtigen Verhältnis.In jeder Durtonart, z.B. C, ist der auf der zweiten Stufe der Tonleiter gebildete Akkord ein Mollseptakkord; der auf der fünften Stufe der Tonleiter gebildete Akkord ist ein Dominantseptakkord; und der auf dem Grundton der Tonleiter (auch Tonika genannt) gebildete Akkord ist ein Durseptakkord.Römische Zahlzeichen werden oft benutzt, um die Notenstufen anzuzeigen, wobei Großbuchstaben für Durdreiklänge und ihre Septakkorde stehen und kleine Buchstaben für Molldreiklänge und ihre Septakkorde.Die Folge Dm7 - G7 - Cmaj7 in der Tonart C kann deshalb als ii-V-I angegeben werden.Das ist eine im Jazz weit verbreitete Progression und wird später ausführlicher behandelt.Die Bewegung der Grundtöne in dieser Progression ist in reinen Quarten aufwärts oder in reinen Quinten abwärts, was gleichwertig ist.Das ist in der klassischen Harmonielehre ebenfalls eine der stärksten Auflösungen.

Septimen können auch zu verminderten oder übermäßigen Dreiklängen hinzugefügt werden.Im Fall eines verminderten Dreiklangs ist die hinzugefügte Terz entweder eine kleine Terz, was einen verminderten Septakkord erzeugt (z.B. A C Eb Gb, oder Adim [dim: diminished = vermindert]), oder eine große Terz, was einen halbverminderten Septakkord erzeugt (z.B. H D F A, oder Hm7b5).Eine kleine Terz kann zu einem übermäßigen Dreiklang hinzugefügt werden, obwohl das ein sehr selten benutzter Akkord ist, der in der klassischen Theorie keinen standardisierten Namen hat.Wenn man einem übermäßigen Dreiklang eine große Terz hinzufügen würde, wäre das nur dem Namen nach ein Septakkord, weil die hinzugefügte Note die gleiche Note wie der Grundton des Akkords (die tiefste Note) nur eine Oktave höher ist, z.B. C E G# C.Technisch ist die Septime ein H# statt des C, aber in modernen Stimmungen sind das die gleichen Noten.Zwei Noten, die verschiedene Bezeichnungen aber dieselbe Tonhöhe haben, wie z.B. H# und C oder F# und Gb, werden enharmonisch genannt.Die klassische Theorie ist gewöhnlich ziemlich pingelig, wenn es um die korrekte enharmonische Bezeichnung eines Akkords geht, aber im Jazz wird oft die bequemste Bezeichnung benutzt.

Durch das Hinzufügen weiterer Terzen zu allen Arten von Septakkorden können weitere Akkordformen gebildet werden.So kann man z.B. den C-Dur-Septakkkord (C E G H) durch Hinzufügen eines D zu einem C-Dur-Nonenakkord erweitern.Diese zusätzlichen Erweiterungen und die Alterationen, die durch ihr Erhöhen oder Vermindern um einen Halbton entstehen, zeichnen die Jazz-Harmonie aus und werden in den folgenden Abschnitten behandelt.Obwohl es eine fast unendliche Vielfalt möglicher Akkorde gibt, können die meisten, der im allgemeinen im Jazz benutzten Akkorde, als Durakkorde, Mollakkorde, Dominantakkorde oder halbverminderte Akkorde klassifiziert werden.Verminderte Akkorde und übermäßige Akkorde werden ebenfalls benutzt, aber wie wir sehen werden, sind sie oft ein Ersatz für einen dieser vier Grundtypen der Akkorde.

Der Quintenzirkel

Das Intervall einer reinen Quinte ist in der Musiktheorie in vielerlei Hinsicht bedeutend.Viele benutzen ein Mittel namens Quintenzirkel, um diese Bedeutung zu veranschaulichen.Stellen Sie sich einen Kreis vor, dessen Umfang in zwölf gleiche Teile unterteilt wurde, ähnlich dem Zifferblatt einer Uhr.Setzen Sie den Buchstaben C an der obersten Stelle des Kreises ein, und benennen Sie die anderen Punkte im Uhrzeigersinn G, D, A, E, H, F#/Gb, C#/Db, G#/Ab, D#/Eb, A#/B und F.Das Intervall zwischen zwei aufeinanderfolgenden Noten ist jeweils eine reine Quinte.Beachten Sie, daß jede Note der chromatischen Tonleiter im Kreis genau einmal vorkommt.[Das Bild ist das der Originalseite. Deshalb sind die Noten B und H in der internationalen Schreibweise Bb und B abgebildet.]

[Quintenzirkel]

Eine Anwendung des Quintenzirkels ist die Bestimmung der Vorzeichnung der Tonarten.Die C-Dur-Tonleiter hat keine Kreuze oder Be's [manchmal auch "Been" genannt].Wenn Sie auf dem Quintenzirkel im Uhrzeigersinn weitergehen, kommt bei jeder neuen Tonart ein Kreuz hinzu. G-Dur hat ein Kreuz (F#), D-Dur hat zwei (F# und C#), A-Dur hat drei (F#, C# und G#), E-Dur hat vier (F#, C#, G# und D#), usw.Beachten Sie auch, daß die in den einzelnen Schritten hinzugefügten Kreuze ebenfalls dem Quintenzirkel folgen, beginnend mit F# (hinzugefügt in G-Dur), dann C# (in D), dann G# (in A), dann D# (in E), usw.Wenn Sie indessen den Quintenzirkel gegen den Uhrzeigersinn verfolgen, kommt bei jeder neuen Tonart ein Be hinzu.F-Dur hat ein Be (B), B-Dur hat zwei (B und Eb), Eb-Dur hat drei (B, Eb und Ab), usw.Die in den einzelnen Schritten hinzugefügten Be's folgen ebenfalls dem Quintenzirkel, beginnend mit B (hinzugefügt in F-Dur), dann Eb (in B), dann Ab (in Eb), usw.

Der Quintenzirkel kann auch Tonleitern definieren.Jede Gruppe von sieben aufeinanderfolgenden Noten kann so angeordnet werden, daß sie eine Durtonleiter bilden.Jede Gruppe von fünf aufeinanderfolgenden Noten kann so angeordnet werden, daß sie eine pentatonische Tonleiter bilden, die später besprochen wird.

Wenn die Namen auf dem Quintenzirkel als Akkordbezeichnungen interpretiert werden, dann zeigen sie, wenn man sie gegen den Uhrzeigersinn abliest, die absteigende Folge der Grundtöne.Diese Folge wurde bereits als eine der stärksten vorhandenen Auflösungen beschrieben, besonders im Zusammenhang mit einer ii-V-I-Akkordprogression.So ist z.B. Gm7 - C7 - F eine ii-V-I-Progression in F, und die Namen dieser drei Akkorde können vom Quintenzirkel abgelesen werden.Man kann auch die Note finden, die einen Tritonus von einer bestimmten Note entfernt ist, indem man genau gegenüber auf dem Kreis nachsieht.So ist z.B. das Db einen Tritonus vom G entfernt, und diese beiden stehen sich genau gegenüber.Das kann beim Ausführen von Tritonus-Ersetzungen nützlich sein, die später besprochen werden.


Nächste Seite Harmonie der Durtonleitern
Nächstes Kapitel Anwendung der Theorie auf die Improvisation
Vorhergehende Seite Beziehungen von Akkorden und Tonleitern
  Inhaltsverzeichnis


Der gesamte Inhalt unterliegt dem Copyright © von "The Outside Shore"

Marc Sabatella / marc@outsideshore.com
P.O. Box 147151, Edgewater, CO 80214-7151


Ende der Übersetzung dieser Seite
Original: http://www.outsideshore.com/primer/primer/ms-primer-4-1.html (extern)

© Copyright (2004-2005) der deutschen Website

Edgar Lins
Usinger Straße 46
61231 Bad Nauheim
Deutschland

musik@uteedgar-lins.de


Homepage von www.uteedgar-lins.de Homepage von MSJIPDE Inhaltsverzeichnis Vorhergehende Seite Nächste Seite

http://msjipde.uteedgar-lins.de/ms-primer-4-1.html